Kunst zwischen Public Relations und Corporate Identity
FAZ.NET vom 16.05.2001
Von Katja Blomberg
Voriger Artikel · Nächster Artikel
Im Gegensatz zu öffentlichen Museen, die unter chronischem Budgetmangel leiden, ergeht es privaten Kunsthäusern, die sich aus Firmenetats und Stiftungsgeldern speisen, wie Hechten im Karpfenteich. Zum Wohl ihrer Mutter-Unternehmen richten sie sich im eigenen Auftrag zwischen Public Relations und Corporate Identity in schmucken Häusern erfolgreich ein und stehlen vielerorts öffentlich verwalteten Ausstellungshäusern bereits die Schau.
Gleich drei private Kunstmuseen können in diesen Tagen in spektakulären Neubauten in Süddeutschland eröffnen: Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch-Hall startet am 19. Mai in einem Bau von Henning Larsen, der auch Teile der berühmten Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen gebaut hat. Das Buchheim Museum in Bernried, das am 23. Mai in einer Architektur von Günter Behnisch der Öffentlichkeit übergeben wird und an Behnischs Bau für den deutschen Bundestag in Bonn erinnert. Und die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, die ein neues Gehäuse von Herzog & de Meuron bezogen hat, jenen Schweizer Architekten, die unlängst durch den Umbau der „Tate Modern“ in London aufgefallen sind. In München werden die Tore am 1. Juni geöffnet.
Reinhold Würth schafft über die Kunst Identität
Reinhold Würth war 1995 in die Feuilleton-Schlagzeilen geraten, als er am Stammsitz seiner Schraubenfirma im schwäbischen Künzelsau mit dem Verpackungskünstler Christo eine Kunsthalle im eigenen Verwaltungsgebäude eröffnete. Der Unternehmer hat Plastiken von zeitgenössischen Klassikern wie Robert Jacobsen und Anthony Caro gesammelt und eröffnet sein neues Haus jetzt in Schwäbisch-Hall anlässlich eines Ankaufs von Max Beckmann.
Würths Firmenphilosophie will Öffentlichkeit und Mitarbeiterstab über die Kunst enger zusammenbringen. Vor diesem Hintergrund gibt sich das Unternehmen fröhlich, offen und unkonventionell, aber auch leistungsorientiert und kämpferisch. Kunst und Architektur wirken seit Jahren entspannend auf das Betriebsklima und haben das Unternehmen weltweit bekannt gemacht. Corporate Identity wurde in Künzelsau über eine Corporate Collection geschaffen, die Würth so erfolgreich in die öffentliche Diskussion gebracht hat, dass er nun im Beisein von Gerhard Schröder eine eigenständige Kunsthalle eröffnen kann.
Buchheim schafft ein Museum der Fantasie
Nach jahrelangen, fast jahrzehntelangen Querelen ist das Museum der Fantasie mit der Sammlung Lothar Günter Buchheim nun Wirklichkeit geworden. Am Ufer des Starnberger Sees werden in Bernried Gemälde des Expressionismus gezeigt. Von Nolde über Pechstein, Schmidt-Rottluff und Kirchner stehen die „Brücke“-Künstler der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts im Blickfeld. Der Verleger, Autor und Maler Lothar Günter Buchheim macht seine in eine Stiftung umgewandelte Sammlung in einem eigenen Museum wie ein „Fest fürs Auge“ zugänglich. Neben Gemälden sind eine volkskundliche Sammlung und eigenhändig gemalte Bilder von Buchheim zu sehen.
Der Stuttgarter Architekt Günter Behnisch hat ein vielgliedriges, langgestrecktes Gebäude entworfen, das in einem Steg über dem See endet. Ein Museum zwischen Kultur und Natur, das für die Sammlung einen abwechslungsreichen und harmonischen Hintergrund schafft. Dem ruppigen, inzwischen 83-jährigen Sammler Buchheim verschafft es endlich jene unabhängige Selbstdarstellung, für die er (unter Zurücklassung einiger Museumsleichen) lange gekämpft hat.
Hypo-Vereinsbank will traditionsbewusst und gesellschaftsfähig sein
In München präsentiert sich die stets vornehme Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung als Teil eines neuen Innenstadtprojektes: „Fünf Höfe“. Das inzwischen zur Hypo-Vereinsbank erweiterte Geldinstitut zeigt seit 1983 erfolgreich Ausstellungen mitten in der Münchner Fußgängerzone. In den neuen Hallen an der Theatinerstraße zeigt sich die Ausstellungsfläche nun um mehr als ein Drittel vergrößert. Die Ausstellungsräume liegen jetzt im zweiten Obergeschoss und sind über ein großzügiges Foyer mit Café erreicht.
Die Hypo-Kulturstiftung will durch ihre Ausstellungs-Aktivitäten in der besonderen Innenstadtlage Kunst in den Alltag tragen. Das ist ihr bisher gut gelungen. Seriösität beweist das Haus auch diesmal mit einer Wiedereinstiegs-Schau, die der derzeitige Präsident der Münchner Kunstakademie, Wieland Schmied, unter dem Motto „Der kühle Blick - Realismus der 20er-Jahre“ mit internationalen Werken eingerichtet hat.
Gesammelt wird bei der Hypo-Vereinsbank im Auftrag von Museen. Die Werke verbleiben
gewöhnlich als Leihgabe in den Instituten. Die Münchner Kunsthalle
operiert ansonsten ohne ständigen Kunstbestand und zeigt in Ausstellungen
Leihgaben. Ihre Ausstellungen können als PR-Aktionen höchster sinnlicher
und intellektueller Kraft verstanden werden. Zur Freude von Mitarbeitern und
High Society werden in München unter Direktor Johann Georg Prinz von Hohenzollern
private Vernissagen fast ohne Ende gefeiert. Erst danach dürfen auch einfache
Passanten die stets schmeichelnden Veranstaltungen besuchen.

