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Sammlungen

Vier Museen unter einem Dach

Lothar-Günther Buchheim führt in seinem Museum zusammen, was in der Regel in getrennten Museen gezeigt wird. Im Zentrum steht die legendäre Expressionistensammlung mit Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken.

Sein Museum ist aber auch Völkerkundemuseum und Volkskundliche Sammlung. Die „Nebensammlungen“ umfassen Kunsthandwerk aus aller Welt, bayerische Volkskunst, Kultgegenstände aus Afrika und anderen außereuropäischen Ländern

Im Museum begegnen sich Weltkulturen und es ergibt sich ein spannender Dialog zwischen dem Expressionismus und seinen Inspirationsquellen aus Afrika und der Südsee.

Schließlich zeigt das Museum auch Werke des Künstlers Lothar-Günther Buchheim.

Expressionisten

Die Sammlung Buchheim umfasst ein außergewöhnlich breites und qualitativ herausragendes Spektrum expressionistischer Kunst. Durch eine Welttournee in den 1980er Jahren wurde die Sammlung international bekannt.

Den Schwerpunkt bilden Werke der Maler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein, die - vorübergehend auch Emil Nolde und Otto Mueller - zur Künstlergruppe Brücke (1905-1913) gehörten. Sie suchten durch knappe und kühne Formen, Flächenhaftigkeit, Monumentalität und Starkfarbigkeit den Ausdruck ihrer Kunst zu steigern. Damals protestierten die jungen Maler, die „unmittelbar und unverfälscht“ das wiedergeben wollten, „was sie zum Schaffen drängt“, gegen die offizielle Kunst der wilhelminischen Ära. Heute zählen ihre Werke zu den Klassikern und markieren den Beginn der Moderne in Deutschland.

Anhand der reichen Bestände der Sammlung Buchheim kann nicht nur die künstlerische Entwicklung der einzelnen Maler bis in die 20er Jahre verfolgt werden. Die gemeinsame Präsentation von Gemälden und Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken führt die Bedeutung der Grafik für die Malerei vor Augen. Und dokumentiert zugleich eindrucksvoll, dass der Rang expressionistischer Grafik an Umfang und Qualität nur mit den Holzschnitten und Kupferstichen der Dürerzeit vergleichbar ist.

Auch die Vorläufer der Expressionisten hat Buchheim gesammelt: Lovis Corinth steigert in seinem 1904 entstandenen Bild „Tanzender Derwisch“ den impressionistischen Duktus zu expressiver Malgeste. Im Bereich der Einzelgänger sind vor allem Max Beckmann und Christian Rohlfs in der Sammlung Buchheim mit einer außergewöhnlichen Werkauswahl zugegen. Rohlfs kostbare Aquarelle können nur alle paar Jahre gezeigt werden. Die Gemälde von Beckmann hingegen sind immer zu sehen und werden von einem ständig wechselndem, reichen Bestand an Grafik - darunter die berühmte Grafik „Selbstbildnis mit steifem Hut“ - begleitet.

Die Vorläufer des „Blauen Reiter“, die „Neue Künstlervereinigung München e.V.“ ist mit Alexej Jawlenskys „Kopf in Blau“ (1912) und einigen anderen Werken gegenwärtig.

Buchheim hat schon in den 50er Jahren - im Gegensatz zur kunsthistorischen Forschung - den Expressionismus als eine breitgefächerte Bewegung verstanden, die nicht mit der Auflösung der „Brücke“ im Jahre 1913 endet.

Die Sammlung umfasst deshalb auch Arbeiten der sogenannten zweiten Expressionistengeneration, unter anderem von Max Kaus, der Heckel als Sanitätssoldat in Flandern begegnete, oder von den politisch gesinnten Malern der „Dresdner Sezession“. Der junge Otto Dix gehörte zu ihnen bis es ihn in den 1920er Jahren nach Düsseldorf verschlug. Mit einer Reihe einzigartiger Aquarelle, fünfzig Radierungen der Mappe „Der Krieg“, Zeichnungen und Lithografien bildet das Schaffen Dix einen weiteren Schwerpunkt der Sammlung Buchheim.

Volks- und Völkerkundliches

Das Auge des Malers Buchheim hat dem Sammler immer neue Bereiche entdeckt und eröffnet: Nach der französischen Moderne und den Expressionisten begann sich Buchheims Augenmerk auf Volkskunst und Völkerkundliches zu richten. Dabei fasziniert ihn, der selber nach dem Krieg in Feldafing Hunderte von Hinterglasbildern und Spielzeugfiguren schuf, das handwerkliche Können ebenso wie die schier unendliche Formenvielfalt und die Unerschöpflichkeit menschlicher Kreativität.

Die „Wiesenpfade der Kunst“, so Buchheim , hätten ihn manchmal mehr interessiert als die ausgetretenen Hauptwege. Das Buchheimsche Museumskonzept will dem Besucher nicht nur das Gesamtkunstwerk eines sammelnden Malers vor Augen führen. Die Zusammenschau soll darüber hinaus anschaulich machen, daß die Entwicklung der Moderne wesentliche Anregungen durch Volkskunst und Völkerkundliches erfuhr: Den Brücke-Malern wie auch Picasso waren afrikanische und ozeanische Masken und Skulpturen eine wichtige Inspirationsquelle, die Künstler des Blauen Reiter setzen sich auf ihrem Weg zur Abstraktion mit Hinterglas- und Votivbildern, Kinder- und Dilettantenzeichnungen, Asiatica und ägyptischen Schattenspielfiguren auseinander.

Das bescheiden als „Nebensammlungen“ bezeichnete Kaleidoskop volks- und völkerkundlicher Stücke umfasst Hinterglasbilder, Jugendstilvasen, Karusselltiere, an die dreitausend Paperweights (gläserne Briefbeschwerer), unüberschaubare Mengen von populärer Druckgraphik, Bauernschränke, Porzellan, Keramik, Glas, Textilien und Schmuck aus aller Welt, Skulpturen, Masken und Kultgegenstände aus Afrika, indonesisches Schattenspiel, chinesische Tuschzeichnungen, japanische Holzschnitte, Plakate und vieles andere mehr. Und Arbeiten von Autodidakten: von dem virtuosen Holzbildhauer Hans Schmitt, dem Bauernmaler Max Raffler, dem Bauchredner Muskat oder dem Pariser Hector Trotin.

Auf einen einfachen Nenner lässt sich dieses einzigartige, von Buchheim installierte Szenario nicht bringen, wenngleich seine Begeisterung für ausdrucksstarke und farbintensive Arbeiten, für aufwändige handwerkliche Techniken sowie die vielfältigen Formen von Alltags- und populärer Kunst gangbare Wege durchs Chaos andeutet.


Ernst Ludwig Kirchner, Akt auf blauem Grund, 1911, Öl auf Leinwand, © Ingeborg & Dr. Wolfgang Henze-Ketterer, Wichtrach / Bern


Alexej von Jawlensky, Kopf in Blau, 1912, Öl auf Karton, © Buchheim Stiftung


Holzfiguren von Hans Schmitt, © Sammlung Buchheim


Papierschnitt aus Foshan, © Sammlung Buchheim

WON ABC & FRIENDS – KUNST AUS MÜNCHENS UNTERGRUND: 16. Juli bis 6. November 2016