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Paradiesmädchen

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.03.2003

Pressespiegel

Otto Mueller, der "Zigeunermueller", einer der liebenswürdigsten deutschen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, war einer der erfolg- und folgenlosesten. Der bereits 1930 im Alter von sechsundfünfzig Jahren verstorbene Künstler, der drei Jahre lang Mitglied der "Brücke" gewesen war, musste die Zerstörungswut, mit der die Nationalsozialsten die Moderne verfolgten, nicht mehr erleben. Da kaum ein Museum ihn gekauft hatte, blieb er auch nach 1945 im Schatten. Erst der große Wiederentdecker des Expressionismus, Lothar-Günther Buchheim, befasste sich ausführlich mit dem Schlesier - übrigens ein Neffe Gerhart Hauptmanns, dessen Familie er viel verdankte. Buchheim legte 1963 eine Mueller-Monographie vor, die den Künstler eigenwillig deutete. Glänzend geschrieben, ist sie bis heute ein großer Wurf geblieben. Der eigenwillige Alte vom Starnberger See, der mit einer eigenen Ausstellung in seinem Museum in Bernried der Münchner Retrospektive zuvorkam, hat sie jetzt, unverändert nachgedruckt, erneut vorgelegt.

Man kann verstehen, warum die Kunstgeschichte sie ignoriert hat. Es fehlt ihr jeder wissenschaftliche Anstrich, es gibt weder Quellen- noch Literaturangaben, nicht einmal ein Verzeichnis der Kapitelüberschriften. Buchheim, der bis heute sein trotziges Außenseitertum kultiviert, stand sich somit selbst im Weg. Allerdings lag es in den sechziger Jahren auch an der Stimmung der Epoche, die für den stillen, unrevolutionären Mueller kein Sensorium hatte. Der Künstler erhob keine politische oder soziale Anklage, er malte keine Großstadtszenen, keine Kokotten, keine Kriegsinvaliden, sondern bukolische Landschaften, die den Einklang von Mensch und Natur als Verlorenes feiern.
Seit 1992 befassen sich am Folkwang-Museum in Essen Mario-Andreas von Lüttichau sowie Tanja Pirsig damit, ein Werkverzeichnis zu erarbeiten. Die Frucht dieser Bemühung ist jetzt die Retrospektive in der Kunsthalle der Münchner Hypo-Kulturstiftung. Mit 160 Werken ist sie die erste große Ausstellung des Künstlers überhaupt. Um es vorwegzunehmen: Man entdeckt hier keinen "neuen" Mueller, dazu ist sein ?uvre, was die Motive angeht, zu monoton. Das muss kein Einwand sein - auch die Bellini haben fast nur Madonnen gemalt -, erfordert aber vom Betrachter erhöhte Aufmerksamkeit, ja, eine Lust, sich auf Variationen, Abwandlungen und künstlerische Strategien einzulassen.

Mueller hatte, pointiert gesprochen, ein einziges Thema: junge Mädchen, selig in ihre kreatürliche Nacktheit versunken, im Einklang mit einer paradiesischen Natur. Der Maler, ein verspäteter Romantiker, beschwört diese Harmonie in einer künstlerischen Sprache, die Buchheim nicht zu Unrecht "volksliedhaft" nennt. Einfach und leicht verständlich, besitzen diese Bilder eine Anmut, die der Betrachter fast wie Musik wahrnimmt. Diese Mädchen, die so gar nichts Laszives oder gar Pornographisches an sich haben, sitzen unter Bäumen, liegen im Gras, stehen im Schilf, spielen im Wasser. Ihre Leiber erzeugen einen rhythmischen Wohlklang, über den man vergessen könnte, dass sie zugleich Formelemente sind, welche die Bildfläche strukturieren. Des Künstlers Palette ist gedämpft, die aggressiven Farbtöne seiner Malerkollegen - in markanten Beispielen ebenfalls in der Ausstellung zu besichtigen - sind seine Sache nicht. Die schwierige Leimfarbentechnik entwickelt er zur Meisterschaft. Er malte auf grobe Sackleinwand, deren Struktur an vielen Stellen durchschimmert; seine pudrigen Farben glänzen nicht, sie leuchten.

Der bescheidene und scheue Künstler, der sich fast nie über seine Kunst geäußert hat, war kein Mann der Moden. Sein Frühwerk, das die Münchner Ausstellung an wenigen überkommenen Bildern, die dem Symbolismus und Jugendstil verpflichtet sind, aufdeckt, zerstörte Mueller, weil er sich damit nicht mehr identifizierte. Dem Expressionismus verdankte er einiges wie die Flächigkeit, die Betonung der Konturen. Indes, die expressionistische Übersteigerung, die formalen Verzerrungen und schrillen Farben lehnte er ab. Wie Lehmbruck, mit dem er befreundet war und von dem die Ausstellung einige Werke mit ihrer "gotischen" Überlängung der Körper zeigt, wollte er, ohne naturalistische Mittel einzusetzen, dem klassischen Formenkanon treu bleiben. Seine Frauen folgen einer Typologie, für die seine erste Gattin Maschka, eine Böhmin, das Vorbild lieferte: schwarzer Pagenkopf, schräge Augen, über slawisch hohen Backenknochen, spitze Brüste. Die opulente Schau lädt dazu ein, Mueller in seine Naturräume zu folgen, die ebenfalls durch kürzelhafte Zitate - Baumstämme, eine gezackte Linie von Büschen, ein blaues oder violettes Gewässer - bestimmt sind. In den Aquarellen und Kreidezeichnungen schließen sie sich gelegentlich zu fast abstrakten Strichgebilden zusammen. Überhaupt bezaubert das graphische Werk, das vor allem im Buchheim Museum in großartigen Beispielen zu sehen ist, durch eine dem Experiment abgewonnene Leichtigkeit. Interessant sind hier die Mischformen von Lithographie, Kreide- oder Buntstiftzeichnungen und Aquarell, wie sie etwa das wunderbare Blatt von 1919 "Auf den Halligen" zeigt.

Die Zigeunerbilder, die Mueller populär machten, gehen auf eine frühe Faszination durch die Welt der Fahrenden zurück. Der Akademieprofessor sah sie als Gegenpol zum Bürgertum. Auf seinen wenigen Selbstbildnissen, die meistens einen abweisenden Zug haben, stilisierte er sich als Zigeuner mit Pentagramm und Amuletthieroglyphen. Dass er selbst von Zigeunern abstammte, wird durch neuere Forschungen nicht bestätigt. Beide Ausstellungen zeigen die "Zigeunermappe", die Mueller zu seinen Lebzeiten den größten Erfolg einbrachte, in mehreren Zuständen. Von einer "Zigeunerromantik" sind sie indes weit entfernt.

Über vielen Blättern liegt ein Hauch von Tragik, von Trauer, von zarter Melancholie, die auch sonst im Werk des Künstlers zu finden sind. "Wenn ich nicht so viel Leid gehabt hätte", sagte er zu seiner Schwester zwei Jahre vor seinem Tod, "hätte ich keine so schönen Bilder malen können." Der Gefahr des Süßlichen, Schwächlichen, der Verflachung ist er nicht immer entgangen. Aber in seinen besten Ausprägungen gehört dieses ?uvre zum großen Bestand der deutschen klassischen Moderne.

HOLMEAD: KRUDE KÖPFE: Ausstellung vom 16. Juli bis 3. Oktober 2017