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Schenkung an das Buchheim Museum

Fünfzig unbekannte Zeichnungen von Carl Rabus

Erna Rabus schenkt Buchheim Museum 50 unbekannte Zeichnungen, die Carl Rabus 1940 im Internierungslager St. Cyprien gemacht hat.

Pressemeldung, 08.10.2004

Carl Rabus (1898 Kempten - 1983 Murnau) ist ein junger, erfolgreicher Künstler, als sein Leben durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine jähe Wende nimmt. Nach dem Studium an der Münchner Akademie war er rasch der provinziellen Enge entwichen, lebte von 1923 bis 1927 in Berlin, suchte Anschluß an die Avantgarde, stellte in den legendären Galerien Goltz und Thannhauser aus, wo die "Blauen Reiter" erstmals an die Öffentlichkeit getreten waren, zeigte Arbeiten in Herwarth Waldens "Sturm" und machte sich in den 20er Jahren als Buch- und Zeitschriftenillustrator einen Namen.

1934 exiliert er nach Wien, wo er seine spätere Frau, die Fotografin Erna Adler, kennen lernt. Erna ist Jüdin. Kurz vor dem "Anschluß" Österreichs emigrieren Carl und Erna nach Brüssel. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien werden beide am 10. Mai 1940 verhaftet. Erna kommt wieder frei. Rabus wird in das berüchtigte Internierungslager St. Cyprien transportiert: Zusammengepfercht in verschlossenen und verdunkelten Viehwagen erreichen die Gefangenen nach dreitägiger Irrfahrt den Süden Frankreichs - ohne Wasser und Nahrung. Rabus schleckt Kondenswasser von den Wänden des Wagons ...

Das Lager erstreckte sich auf einer Sandbank, in einer Größe von dreitausend mal tausend Meter. Während Rabus' Internierung lebten dort rund 3000 Mann. Zwei Drittel davon waren jüdische Insassen. Ab Herbst 1940 wurde das Lager für viele von ihnen zur Todesfalle. Die Vichy-Regierung lieferte sie an die Nationalsozialisten aus.

Carl Rabus erinnert sich: "Die Zeit stand still. Nur die Wachen an den Gittern, mit aufgepflanzten Bayonetten gaben uns eine Ahnung, dass draußen eine Welt sein muss. Um uns war luftleerer Raum, ein Vakuum. Wir hungerten. Die Sonne brannte höllisch auf unsere mageren Leiber... Die Ruhranfälle (Durchfall) häuften sich. An den Abortkübeln standen wir in langen Reihen an, krümmten unsere Leiber, stöhnend vor Schmerz. Über den Kübeln gekauert, trieb uns der Mistral die gebrauchten Papiere wieder ins Gesicht... Dank einiger menschenfreundlicher Wachen durften wir manchmal im Meer baden. Nackt und hungrig lagen wir vor dem Stacheldraht am Meeresufer, über uns ungeheures Wolkentheater, Sand und Wasser ..."

Rabus zeichnet: Einen Mitgefangenen, dessen Blick ins Leere geht. Sitzend, wartend. - Ein anderer birgt das Gesicht in den Händen. Haltung und Gestik drücken Müdigkeit und Resignation, aber auch Verzweiflung aus. - Ein Internierter stirbt: hingestreckt auf den Boden, in eine Decke gehüllt, gleicht sein Anblick einem aufgebahrten Leichnam. Ein Kamerad wacht. - Drei Schlafende liegen erschöpft am Strand. - Dann die Lageranlage selbst: Geduckt und niedergedrückt schleichen die Insassen zwischen den Baracken der aufgehenden Sonne entgegen. - Erniedrigend das Verrichten der Notdurft in den Latrinen oder auf dem Abortkübel: Preisgabe des Intimsten. - Tierknochen im Sand vor dem Lagerzaun: Symbol für den möglichen physischen und psychischen Tod durch das Gefangensein.

Rabus' Zeichnungen sind Metaphern der Ohnmacht und zugleich doch Zeichen seines Überlebenwollens und -willens; stilles Aufbäumen und tätiger Widerstand gegen drohende Depression und Resignation. Kreativität und Reflexion als Überlebensstrategie.

Obwohl sich Carl Rabus auf spärliche Mittel beschränken musste - neben dem Bleistift, kommen wenige Male Farbstifte in Rot und Blau zum Einsatz, für die Kolorierung spart er sich Rotwein vom Munde ab - sind seine Blätter ausdrucksstark, dicht und vielschichtig. Sein Strich ist sicher. Rabus beherrscht sein Handwerk, vermag das Sichtbare mit dem Hintergründigen, das Außen- mit dem Innenbild zu vereinen. In der Holzschnittfolge "Passion" (1945), Höhe- und Endpunkt seiner expressiven gegenständlichen Phase, greift Rabus auf Motive der St. Cyprienner Zeichnungen zurück. Er verdrängt die bedrängenden Erlebnisse nicht, die mit der Internierung längst kein Ende genommen hatten, sondern verdichtet sie zu eindringlichen Bildern, schneidet seine eigene Leidensgeschichte ins widerständige Holz, und durchlebt sie so erneut. Sein Weg, sich mit den Jahren des Schreckens auseinanderzusetzen.

Erst nach dreimonatigem Aufenthalt in St. Cyprien erhielt Carl Rabus ein Lebenszeichen von Erna, die vor den deutschen Truppen nicht mehr hatte fliehen können. Um ihr nahe zu sein, liefert er sich den Deutschen aus, und erhält die Erlaubnis zur Rückreise nach Belgien. In Brüssel angekommen, findet er Erna verhaftet. Mit der Auflage auszuwandern wird Erna entlassen, taucht aber wieder in Brüssel unter. Rabus wird von der Gestapo gegängelt und schließlich im September 1942 wegen "Rassenschande" verhaftet, und nach Wien gebracht ...

Dank des unermüdlichen Engagements von Erna Rabus und Roland Krüppel, und der zunehmenden Wahrnehmung des Schaffens der Künstler der sogenannten "verschollenen" Generation, ist das Werk von Carl Rabus in den 80er Jahren durch Ausstellungen und Publikationen mehr und mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Das Konvolut der Zeichnungen aus dem Internierungslager St. Cyprien, das Erna Rabus nun dem Buchheim Museum als Schenkung überlassen hat, ist bislang jedoch weder gezeigt, noch veröffentlicht worden. Einzig Rosamunde Neugebauer (jetzt Rosa von der Schulenburg) konnte in ihrer 2003 veröffentlichten Habilitationsschrift "Zeichen im Exil - Zeichen des Exils. Handzeichnung und Druckgraphik deutscher Emigranten" auf einige der Lagerzeichnungen zurückgreifen. Sie nehmen in ihrer Untersuchung eine zentrale Rolle ein (weitere Informationen unter www.exil.de).

Schon James Ensor und Albert Einstein erkannten Rabus' künstlerische Begabung: Der Meister des Surrealen, den Rabus auf den Spuren deutscher Expressionisten 1937 in Ostende aufsuchte bezeichnet den Allgäuer in einem Brief als "überzeugenden Maler", "leidenschaftlichen Aquarellisten mit Maß", rühmt seine Farben und seine Arbeitswut. Der Physiker ist beeindruckt von der Ausdruckskraft und Tiefe der Passionsfolge.

Carl Rabus und Erna - sie heiraten 1944 - leben auch nach 1945, unterbrochen von Aufenthalten in Essen und München, in Brüssel. Erst 1974 lassen sie sich in Murnau nieder.

Das Buchheim Museum dankt Erna Rabus für die Schenkung der Zeichnungen von Carl Rabus, die rund 60 Jahre nach dem Ende des II. Weltkrieges traurige Aktualität gewinnen.

Dr. Clelia Segieth
Kuratorin des Buchheim Museum


Carl Rabus, Ohne Titel (Internierter), St. Cyprien 1940, Bleistift,
© Buchheim Museum 2004.

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