Grußwort von Staatsminister
Dr. Thomas Goppel

Zur Picasso-Ausstellung im Buchheim Museum

Grußwort des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Dr. Thomas Goppel, bei der Eröffnung der Ausstellung von Picasso-Graphiken im Museum Buchheim am 14. Oktober 2006 in Bernried.

Pressemeldung, 24.10.2006

Von Pablo Picasso stammt der viel zitierte Satz: "Ich suche nicht, ich finde." Wer Picasso sucht, der findet ihn ab heute auch in Bernried! Zur Eröffnung der Picasso-Ausstellung begrüße ich Sie alle sehr herzlich hier im Buchheim-Museum.

Als Picasso 1973 im Alter von 91 Jahren starb, war das für viele Zeitgenossen das Ende einer Epoche. Die New York Times bezeichnete ihn in einem Nachruf als "Titan der Kunst des 20. Jahrhunderts". In den mehr als sieben Jahrzehnten seines künstlerischen Schaffens hatte der Titan eine unglaubliche Fülle von Kunstwerken hervorgebracht - schätzungsweise 50.000: darunter Gemälde, Zeichnungen, Drucke, graphische Zyklen, eine Vielzahl plastischer Schöpfungen und Keramiken. Es ist ein Gesamtwerk, das in seiner Breite und Vielfalt in der Kunstgeschichte unvergleichlich dasteht. Sieben Museen sind heute allein in Europa ausschließlich seinem Oeuvre gewidmet.

Pablo Picasso ist eine zentrale Figur der Kunst des letzten Jahrhunderts. Er war und ist:

  • viel gepriesen und verehrt wegen seiner unbändigen schöpferischen Kraft,

  • oft unverstanden wegen seiner abrupten künstlerischen Richtungswechsel

  • und viel geschmäht wegen seiner drastischen Deformationen der menschlichen Figur und wegen der Radikalität seines Spätwerks.

Wie seine Artefakte sind auch die Linien seines Lebenswerks von Brüchen und Richtungswechseln geformt: Kaum hatte sich ein künstlerischer Entwicklungsabschnitt herausgebildet, schlug er den nächsten artistischen Haken und verblüffte das Publikum aufs Neue. Er schlüpfte in viele Rollen: in die des Poeten, aber auch des Possenreißers und Provokateurs.

Man könnte versucht sein, aus diesem dauernden Wechsel der handwerklichen Mittel und der Perspektiven einen Mangel an inhaltlicher Stringenz abzuleiten. Das wäre aber unzutreffend: Denn tatsächlich hat Picasso damit eine ganz entschiedene, moderne Haltung eingenommen. Er konzentrierte sich auf den Prozess des Schaffens mit einer nie erlahmenden Neugier, mit Mut zu Neben- und Abwegen. Er war bereit zum Risiko und immer auf der Hut vor Erstarrung und Stereotypen. In den Bildern des Kubismus kurz nach der Jahrhundertwende können wir diese künstlerischen Positionen schon erahnen - sind sie doch ebenso multiperspektivisch und vielfach gebrochen angelegt.

Meine verehrten Damen und Herren, erlauben Sie mir an dieser Stelle einige Worte zur Werkauswahl in dieser Ausstellung. Sie veranschaulicht in mehreren druckgraphischen Reihen die Prozesshaftigkeit von Picassos Schaffen und seine Hinwendung zu graphischen Zyklen. Besonders deutlich wird dies bei den Gegenüberstellungen von Druckwerken mit gleichem Inhalt, aber in verschiedenem "Zustand" - beispielsweise beim Portrait seiner langjährigen Lebensgefährtin Francoise Gilot.

In den Blättern zu den Metamorphosen des Ovid - vier davon sind hier ausgestellt - entdecken wir nicht nur einen direkten Bezug zum Thema Wandel und Veränderung. Die Werke verdeutlichen auch Picassos Rückgriffe in die Kunstgeschichte. Eine ganz besondere Faszination übten auf ihn zwei andere überragende spanische Maler aus: Velazquez und Goya.

Sehr verehrter Herr Professor Buchheim, Sie haben für diese Schau 120 graphische Werke aus Ihrer Sammlung ausgewählt. Darin sind noch viele weitere Höhepunkte für uns zu entdecken, etwa zahlreiche Blätter mit dem Motiv "Maler und Modell" in verschiedenen Variationen. Picasso reflektiert damit auch über die Beziehung von Subjekt und Objekt.

Zusätzlich erhalten wir Einblick in den gesellschaftlich-politischen Hintergrund des Künstlerlebens mit den drei Blättern aus der Suite, "Träume und Lügen Francos". Sie entstanden im selben Jahr wie das Hauptwerk "Guernica", in dem uns Picasso ein erschütterndes, künstlerisches Zeugnis der Schrecken des Krieges hinterlassen hat.

Es lohnt sich außerdem, einen Blick auf die Dokumente von Picassos Plakatkunst - im Ostturm des Hauses - zu werfen. Sie machen deutlich: Auch in diesem Bereich wusste sich der Künstler sehr souverän zu bewegen. Die Blätter beeindrucken auch heute noch vor allem wegen ihrer kompositorischen Sicherheit und ihrer Spontaneität.

Lieber Herr Professor Buchheim, wir danken Ihnen und Ihrer verehrten Gattin sehr herzlich dafür, dass Sie uns mit dieser Ausstellung einen Einblick in das Werk des unvergleichlichen und rastlosen Genies schenken. Hier können wir eintauchen in den Reichtum von Picassos Lebenswerk. Danken möchte ich auch Frau Dr. Clelia Segieth und ihrem Team: Sie haben in bewährter und wieder einmal überzeugender Weise Konzept und Realisation dieser Ausstellung übernommen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, für viele Menschen der Region und darüber hinaus ist es eine große Freude, dass jetzt Werke des spanischen Künstlers hier in diesem wunderschönen Museum zu sehen sind.
Picasso selbst hat gesagt: "Gemälde sind nichts anderes als Forschung und Experiment. Ich male nie ein Bild als Kunstwerk. Alle sind Forschungen." In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern reichhaltige Impressionen und viel Spaß beim Erkunden und Betrachten von Picassos Forschungsergebnissen. Der Ausstellung wünsche ich viel Erfolg.


Frau Goppel, Dr. Thomas Goppel, Dr. Clelia Segieth und Herr Josef Steigenberger, Bürgermeister von Bernried bei einem Besuch im Museum im April 2006.

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