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KIRCHNERS BETT IST DA!

Einzug der einzigartigen Leihgabe in die Ausstellung BRÜCKE UND DIE LEBENSREFORM

Pressemeldung, 18.07.2016


Ernst Ludwig Kirchner: Bett für Erna Kirchner, 1919, Arven- und Föhrenholz, Kirchner Museum Davos

Es war gewissermaßen immer schon da. Auf Kirchners Gemälde INTERIEUR MIT MALER von 1920 aus der Sammlung des Buchheim Museums ist es zu sehen. Die dichte häusliche Szene zeigt den Künstler mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling im Haus in den Lärchen in Davos-Frauenkirch. Seit 1918 wohnt er hier, um sich von Kriegstrauma und Drogensucht zu kurieren. Das erste Jahr bewohnt er nur die untere Stube der Hütte. Der Künstler hat sich auf dem Bild einen Pinsel als Attribut in die Hände gelegt. Seine Partnerin ist über eine Stickarbeit gebeugt. Die beiden vom Krieg Gepeinigten arbeiten an einem neuen, besseren Leben in der Abgeschiedenheit der Bergwelt. Rechts von ihnen steht es: das archaisch wuchtig anmutende Bett! Auf dem gewebten Überwurf räkelt sich eine Katze. Der mächtige Bettpfosten am rechten Bildrand trägt in seinem Schnitzrelief ein zum Sprung ansetzendes Pferd.


Ernst Ludwig Kirchner: Interieur mit Maler, 1920, Öl auf Leinwand, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See

Das Bett auf dem Bild ist klar und deutlich wiederzuerkennen. Es ist dasselbe Möbel, das Kirchner zwischen dem 6. November und 10. Dezember 1919 für Erna Schilling fertigte. Es ist Zeugnis des Ringens um die Beziehung mit Erna Schilling. Oft hadert er mit ihr. Am 23. August 1919 schreibt er etwa: „Erna fällt doch zu oft heraus. Nicht klug und etwas grob. Ich leide darunter und werde selbst so, was mich ärgert.“ In dieser Zeit ist Erna Schilling nur sporadisch bei Kirchner. In der Hauptsache kümmert sie sich noch um dessen Geschäfte in Berlin. Erst 1921 wird das Paar dauerhaft in Davos zusammenziehen. Am 20. Oktober 1919 ist sie wieder einmal abgereist. „Nun ist sie fort“, schreibt der Künstler in sein Tagebuch. „Diesmal fällt mir der Abschied schwer. Es sind so viele zerstörte Hoffnungen, die ich damit zu Grabe trage. Der letzte Tag war gut, und trotzdem weiß ich, dass sie immer sich für ein paar Tage zusammennehmen kann, um dann umso mehr ins Gegenteil umzuschlagen, tut es mir doch so schrecklich weh, sie so gehen zu lassen. Ich habe sicher viel Schuld. Doch ich versuchte es doch oft, immer und immer wieder, mit ihr.“

Zwei Wochen nach dem Tagebucheintrag beginnt Kirchner mit seinen Arbeiten an dem Bett. Es ist einer der Versuche, die Beziehung zum Guten zu führen. In seinem Tagebuch gibt Kirchner immer wieder Auskunft über die Arbeit. Zwischen dem 6. und 8. Dezember notiert er: „Ich behaue die Langhölzer. Wie viel weiter waren doch die Neger in diesen Schnitzereien.“ Er wählt Arvenholz für die monumentalen Bettpfosten und Föhrenholz für die anderen Elemente des neunteiligen Möbels. In einem Brief an Nele van de Velde, der Tochter des berühmten flämischen Architekten und Designers Henry van de Velde, beschreibt er die Vorzüge des Arvenholzes: „Das schneidet sich so leicht, wie ich noch keines gehabt habe. Die Arven wachsen ganz an der Schneegrenze. Das Holz ist ganz widerstandsfähig trotz seiner Weichheit.“

Wie das Gemälde INTERIEUR MIT MALER belegt, zeigt die Arbeit am Bett Kirchners Bemühen, für sich und seine Partnerin ein neues Zuhause zu schaffen. Es drückt die Sehnsucht nach Geborgenheit und Harmonie aus, nach einem Gelingen der Zweisamkeit, und den Wunsch, in der neuen Heimat anzukommen. Am Kopfende ruht das Bett auf zwei Bergziegen. Die beiden darüber auskragenden

Bettwangen münden in zwei liegenden Brustfiguren, einer männlichen und einer weiblichen. An ihren Längsseiten tragen sie in flachem Relief Darstellungen aus dem Alpleben. Die beiden dominanten Bettpfosten am Fußende sind aus ineinander verschränkten Frauen- und Männerleibern gebildet. Sie erinnern an die Türbalken von den Palau-Inseln, die Kirchner im Dresdner Völkerkundemuseum wahrgenommen hatte. Darüber hinaus verkörpern sie die Lebenshoffnungen, die der Künstler in sich trägt. Mann und Frau werden hier in verschiedenen Stellungen und Rollen dargestellt: der Tragende und der Ruhende, der auf einem Pferd reitende Jagende, sowie die Kauernde, die Gebärende, die Stehende, die in erotischer Verzückung sich Windende und die Mutter mit Kind. Vielleicht verdient es in diesem Zusammenhang Erwähnung, dass das Bett bei seiner „Jungfernfahrt“, der ersten Nacht von Erna Schillings folgendem Aufenthalt, zusammenbrach. Es hielt den nächtlichen Aktivitäten des Paares nicht Stand und musste sogleich restauriert werden.

Es hat viel diplomatischen Aufwand gekostet, Kirchners berühmtes Bett vom Kirchner Museum in Davos als Leihgabe für die Ausstellung BRÜCKE UND DIE LEBENSREFORM zu bekommen. Mit seinen Beschnitzungen stellt es ein herausragendes Werk dieses Protagonisten des deutschen Expressionismus dar. Seit 1968 ist es erst vier Mal in temporären Ausstellungen außerhalb von Davos gezeigt worden. Durch eindringliche Fürsprache des Schweizer Galeristen und Mitglieds des Rates der Kirchner Stiftung Wolfgang Henze ist es nun gelungen, diese seltene Leihgabe für die große Sommerausstellung im BUCHHEIM MUSEUM zugesagt bekommen zu haben. Das Bett ist ein spektakuläres und zentrales Exponat der überdies mit vielen prominenten Gemälden ausgestatteten Ausstellung. Insgesamt 52 Gemälde von BRÜCKE-Künstlern in Dauerausstellung und Sonderausstellung sind derzeit im Buchheim Museum zu sehen, mit Plastiken, Keramiken, Textilkunst und Grafik insgesamt 207 Ausstellungsstücke von BRÜCKE-Künstlern insgesamt. Damit kann behauptet werden: Das BUCHHEIM MUSEUM ist derzeit das größtes BRÜCKE Museum der Welt. Überdies wird mit der in Zusammenarbeit mit dem Archiv zum Gesamtwerk Ernst Ludwig Kirchner und der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach bei Bern entstandenen Sonderausstellung BRÜCKE UND DIE LEBENSREFORM erstmals der ideengeschichtliche Zusammenhang zwischen der bürgerlichen Reformbewegung und den aufrührerischen BRÜCKE-Künstlern museal präsentiert.

Die Transportkosten des Bettes haben sich in unvorhersehbare Höhen entwickelt. Jedes Teil des Möbels muss einzeln in gegen Erschütterungen abgefederte Klimakisten verpackt werden. Eine Einzelfahrt von Davos nach Bernried war erforderlich. Mit dem Werk vertraute restauratorische Fachkräfte haben es auf seiner Reise begleitet und den Aufbau in Bernried betreut. Diesen enormen Aufwand hätte das BUCHHEIM MUSEUM ohne fremde Unterstützung nicht erbringen können. Dankenswerterweise haben sich die RNK Stiftung sowie private Mäzene bereit gefunden, das ehrgeizige Vorhaben zu unterstützen. Am Dienstag, dem 19. JULI 2016 ist es soweit: Das Stück kann erstmals im BUCHHEIM MUSEUM der Öffentlichkeit präsentiert werden.

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