Provenienzforschung

Jedes Kunstwerk ist einzigartig und hat seine ganz persönliche Biografie. Diese zu erforschen und möglichst lückenlos darzustellen, ist Ziel der Provenienzforschung. Sie ist seit jeher Bestandteil kunsthistorischer Praxis und musealer Sammlungspflege, wurde jedoch in früheren Jahren eher nachrangig behandelt. Mit der Verabschiedung der sogenannten »Washingtoner Erklärung« 1998 wurde das wissenschaftliche Bedürfnis musealer Bestandsforschung um eine moralische Verpflichtung der unterzeichnenden Staaten erweitert: Kunstwerke, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt oder deren Besitzer zum Verkauf gezwungen wurden, sollen in öffentlichen Sammlungen identifiziert, die Vorkriegseigentümer oder deren Erben ausfindig gemacht und eine »gerechte und faire Lösung« für ehemalige Eigentümer und jetzige Besitzer gefunden werden. Als Folge dieser Selbstverpflichtung wurde ein Jahr später eine »Gemeinsame Erklärung« sowie eine begleitende Handreichung verfasst: die »Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz«, die nun die Basis für Provenienzforschung bildet.

Seit Oktober 2017 wird im Buchheim Museum mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern systematische Provenienzforschung betrieben. Hierfür wurde eine befristete Stelle eingerichtet. Dieses Bemühen zeigt, dass das Buchheim Museum, obwohl es von einer privaten Stiftung getragen wird und somit keinerlei Verpflichtungen unterliegt, die Suche nach NS-Raubgut nicht nur unterstützt, sondern gezielt umsetzt und eine gerechte und faire Lösung gemäß der »Washingtoner Prinzipien« und der »Gemeinsamen Erklärung« anstrebt.

Das Projekt widmet sich derzeit zunächst den Gemälden der Sammlung Buchheim, die vor 1946 entstanden sind oder deren Entstehungsjahr unbekannt ist. Im Rahmen dieser Recherchen wird folgenden Fragen nachgegangen: »Wann und wo hat Lothar-Günther Buchheim die Gemälde erworben?« und »Wer waren die Vorbesitzer?«. Allgemeine Verdachtsmomente ergeben sich allein schon aus dem Sammlungsschwerpunkt, der auf Werken der Klassischen Moderne, insbesondere auf Gemälden und Grafiken der Künstlervereinigung »Brücke« liegt. Auch das Händlernetzwerk, aus dem Buchheim die Gemälde erwarb, impliziert eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Museumssammlung auch Kunstwerke befinden, die während der NS-Zeit beschlagnahmt oder aus einer Notsituation heraus nicht freiwillig verkauft wurden.

Diesen Verdacht zu bestätigen oder zu widerlegen ist Ziel des Projektes. Für die Forschung werden als Quellen die Gemälde selbst mit ihren Aufschriften, Ausstellungs- und Sammlungsetiketten, das hauseigene Privat- und Verlagsarchiv Buchheims sowie dessen Bibliothek und externe Archive und Bibliotheken zurate gezogen. Die Ergebnisse werden in naher Zukunft auf dieser Website veröffentlicht. Bitte haben Sie noch etwas Geduld!


Kurzfristiges Projekt vom 01.07.-01.11.2018

Mit einem Appell an den Frieden erinnert das Buchheim Museum an das Ende des Ersten Weltkrieges, das sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Im Mittelpunkt der Ausstellung »100 Jahre vorbei!« stehen zwei Zyklen: die druckgrafischen Mappen »Der Krieg« von Otto Dix und Max Pechsteins Aquarelle zur »Sommeschlacht«, denen weitere Werke zum Thema aus der Sammlung Buchheim zur Seite gestellt werden.

Der Radierzyklus »Der Krieg« von Otto Dix wurde in fünf Mappen und mit einer Auflage von 70 Stück im Jahr 1924 von Karl Nierendorf verlegt. Bei der »Sommeschlacht« von Max Pechstein, handelt es sich um eine Serie von 25 Blättern, die bereits 1917 entstand. Diese ist nicht zu verwechseln mit der bei Fritz Gurlitt unter demselben Titel verlegten Mappe mit acht Radierungen.

Vorbereitend zur Ausstellung sollen im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projektes soweit als möglich die Provenienzketten für beide Werke ermittelt sowie der Zeitpunkt und die Umstände des Erwerbs durch Lothar-Günther Buchheim geklärt werden. Dabei soll der von Buchheims Sohn Yves geäußerten Vermutung nachgegangen werden, dass das von Otto Dix signierte und nummerierte Mappenwerk »Der Krieg« von Cornelius Gurlitt erworben wurde. Ziel des Forschungsprojektes ist es, im Sinne der »Washingtoner Erklärung« eventuell NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu suchen, zu identifizieren und die Rechtmäßigkeit der Erwerbungen zu prüfen.


Béla Czene: Bauernpaar, 1941, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See


Aus der Nachlassbibliothek Lothar-Günther und Diethild Buchheim

Euward Expertenführung : Markus Landert am 26. August um 15 Uhr im Gespräch mit Michael Golz