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Ich sammle Widersacher

tz vom 01.02.2003

Pressespiegel

Von wegen "Poltergeist". Bei unserem Interview ist Lothar-Günther Buchheim, dem ja ein Ruf als Raubein wie Donnerhall vorausgeht, ein einziges Bündel aus Charme und Witz - selbstironisch sogar noch im Umgang mit seinen Altersgebrechen. Die Hüften tun's nicht mehr, trotz dreier Operationen, und das Gehör war auch schon mal besser. "Aber im sogenannten Oberstübchen," sagt er, "da klappt noch alles. Und darüber bin ich froh, das ist das Wichtigste". Am kommenden Donnerstag wird der Sammler, Maler, Verleger, Fotograf, Autor (Haben wir was vergessen? Bestimmt. Aber wer kriegt schon alle Facetten dieses reichen Lebens auf eine Reihe?) - am Donnerstag wird Lothar-Günther Buchheim 85 Jahre alt; wir besuchten ihn in seiner Villa in Feldafing.


Herr Buchheim, Sie haben einen großen Krieg hautnah miterlebt und eindrucksvoll beschrieben. Was empfinden Sie, wenn jetzt ein neuer Krieg im Irak droht?

"Ich finde das Ganze scheußlich. Und ich stelle ein übles Versagen der Medien fest. Alle machen das Täuschungstheater mit. Es gibt in Deutschland offenbar keine einzige Zeitung mehr, die die Wahrheit schreibt; man wird doch nur dürftig informiert."

Immerhin versuchen viele Künstler und Intellektuelle, ihre Stimme gegen diesen Krieg zu erheben.

"Das nützt gar nichts, diese kümmerlichen Versuche von Intellektuellen - denn in der anderen Waagschale, einer sehr großen, sehr tiefen Waagschale, da ist das Öl. Die Industrienationen sind ja auf Öl aufgebaut; und dieser Krieg ist einfach der Versuch es denen wegzunehmen, die es haben. Ich finde das Ganze einfach wahnsinnig. Wenn ich Herrn Bush auf Fotos sehe, da fühle ich mich kein bisschen wohl."

85 Jahre sind ein hohes, natürlich auch beschwerliches Alter. Wie gehen Sie mit dem Altwerden um?

"Ich kann mich nicht beklagen. Natürlich, früher war ich ein großer Läufer und habe mir fast alle europäischen Großstädte per pedes erobert. Und dass ich jetzt nicht mehr laufen kann, das ist arg - aber was soll ich sagen? Bei all den Gebrechen, die ich hab', da sag' ich mir immer: Wenn man es nur relativiert, dann geht es mir eigentlich glänzend."

Trotzdem ist das Alter ein Problem ...

"Ich habe mir fahrlässigerweise mein Dasein auf mindestens 100 Jahre eingerichtet, habe mir - das dürfen Sie ruhig meine Hamster-Natur nennen - gesagt, was ich raffen kann, das nehm' ich an die Brust, und später mache ich was draus. Da hat mir die Natur einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Problem ist die Zeit: Wo sind die Präferenzen, was muss noch gemacht werden, was kommt in den Orkus? Und natürlich kostet alles so viel Zeit, und am meisten Zeit kosten die Widersacher. Manchmal komm' ich mir vor wie ein Sammler von Widersachern."

Sie könnten sich's ja auch bequemer machen. Sie hätten ja auch die Möglichkeit, sich jetzt im Sofa zurückzulehnen und die Arbeit anderen zu überlassen.

Buchheims Frau Diethild: "Buchheim sagt immer, wir könnten uns ja eine Suite auf einem Kreuzfahrtschiff leisten und einfach dasitzen und aufs Meer gucken ..."

Buchheim: "...aber natürlich gibt's wenig so Blödes wie eine Kreuzfahrt. Nein, der Tag ist eitel Arbeit. Grade habe ich endlich ein bisschen Zeit alte Briefe durchzusehen. Interessanterweise sind die alle noch aus dem letzten November - wenn mir einer schreibt, dann kann es leicht passieren, dass es Monate dauert, bis er eine Antwort bekommt."

Woran arbeiten Sie im Augenblick konkret?

"Gegenwärtig kümmere ich mich ganz und gar um Fotografie. Ich habe 40.000 Farbdias, aus denen ich was machen muss, die schwarzweißen sind nicht gezählt, aber es werden wohl so um die 20.000 sein. Das hat wieder mit meiner Hamstermethode zu tun: Die sind ja nicht entstanden so wie der Wind über die Wiese geht. Die sind alle gemacht mit der Absicht irgendetwas damit zu produzieren."

Eines immerhin ist fertig und ein Erfolg über alle Erwartungen hinaus: das Museum der Phantasie in Bernried. Wie oft sind Sie noch dort?

"Früher war ich jeden Tag da. Jetzt sträflich selten. Ich hab' auch immer das Gefühl, ich fahre lieber nicht hin, denn irgendwas Unerquickliches gibt es immer."

Trotzdem, und trotz der Querelen mit dem Architekten Günter Behnisch, muss Sie der ungeheure Erfolg dieses Museums doch freuen?

"Natürlich, es entspricht meiner eigentlichen Idee, Kunst und Natur zu verbinden, und wir haben selber nicht geglaubt, dass es so toll angenommen würde. Wir könnten ein zweites Haus hinstellen und das wäre genauso voll. Wir haben unsere eigene Schifffahrtslinie, und Tickets, die gibt's jetzt schon in München, da können Sie ein Ticket für die S-Bahn, die Dampferfahrt und die Eintrittskarte kaufen, und alles ermäßigt. Und jetzt machen wir richtig Werbung. Es gibt schon einen Prospekt auf Deutsch, Englisch, Französisch ... und Japanisch. Wir wollen die Japaner!"

Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückblicken - was hätten Sie gerne anders gemacht?

"Das erfordert eine sehr komplizierte Überlegung. Warum soll man sich darüber den Kopf zerbrechen? Wenn ich als Baby schon hätte denken können, dann hätte ich mich vielleicht für den Film entschieden - so in der Fellini'schen Richtung. Und ich wäre auch ganz gerne Architekt geworden - bestimmt zum Leidwesen von Herrn Behnisch..."

Ihren Geburtstag werden Sie mit vielen Gästen in der Feldafinger Maffei-Villa feiern.

"Für meine Frau und mich war die Entscheidung: Entweder wir hauen ab, nach Oberitalien oder in die Thermalbäder, und tun etwas für unsere Gesundheit. Oder wir machen es so, ich sag's mal ganz frivol, dass für das Museum einiges an Werbung herausspringt. Aber bloß so die Leute abfüttern, das war uns zu spießig. Jetzt gibt es in der Maffei-Villa eine Ausstellung, die findet zur selben Stunde wie der Geburtstag statt. Dann wird sie gleich wieder geschlossen und vier Wochen später fürs Publikum geöffnet. Ich nenne sie PiPaPop - ich gehöre nämlich zu den Leuten, die sich einbilden, sie hätten die Pop-Art erfunden. Da hab' ich 35 Jahre alte Arbeiten ausgegraben - und jetzt können meine Freunde gleichzeitig den 85jährigen und den Buchheim von vor 35 Jahren erleben. Ich finde das eine verrückte Art, über diese Schwelle 85 zu kommen."


Das Lebenswerk im Museum der Phantasie

Das Museum der Phantasie mit der Sammlung Buchheim liegt in Bernried am Starnberger See. Geöffnet ist im Winter (November bis März) dienstags bis freitags von 10 bis 17, samstags, sonn- und feiertags von 10 bis 18 Uhr. Im Sommer (April bis Oktober) gilt montags bis freitags 10 bis 18, samstags, sonn- und feiertags 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet ? 7,80, ermäßigt ? 3,50. Hin kommt man entweder über die Autobahn A95 Garmisch-Partenkirchen, Ausfahrt Seeshaupt, oder mit der S6 bis Tutzing, dann weiter mit dem RVO-Bus 9614 Richtung Penzberg oder mit der Deutschen Bahn bis Bernried. Am schönsten ist's im Sommer (Mai bis Oktober) mit der S6 bis Starnberg und dann weiter mit dem Museumsdampfer "Phantasie".

Informationen zum Museum gibt's über das Infotelefon 08158/997060 oder im Internet über www.buchheimmuseum.de.

JAWLENSKY: KOPF IN BLAU: Neu im Buchheim Museum ab 16. Juli 2017