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Pirat Buchheim ist im Hafen angekommen

Die Welt vom 22.05.2001

Pressespiegel

Ein Mann hat sich seinen lebenslangen Traum erfüllt: Morgen um elf Uhr wird Lothar Günther Buchheims "Museum des Phantasie" in Bernried am Starnberger See eröffnet. Der als "Monster von Feldafing" dramatisierte Sammler, Verleger, Romancier, Kunstschriftsteller, Maler, Fotograf und Schrecken verbreitendes Gesamtkunstwerk Buchheim dürfte damit einen Triumph feiern, wie er seit - halten zu Gnaden - Richard Wagners Festspielhauseröffnung 1876 in diesem Lande nicht mehr der Fall war. Es ist dies eine Geschichte voll von Intrige, Neid, Häme, Bösartigkeit, aber auch von Eigensinn, Skurrilität, Verrücktheiten und - eine wundersame Konsequenz aus dieser Mischung - von Beharrlichkeit und Glück. So richtig berühmt wurde Buchheim (Jahrgang 1918) erst, als klar war, dass er die Maler der Künstlergemeinschaft "Die Brücke", vor allem die Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, in einer für einen privaten Sammler unvorstellbar unverschämten Vollständigkeit und Qualität zusammengetragen hatte. Spätestens von da an verknüpfte sich mit ausnahmslos jedem Buchheim-Handling ein Eklat. Ob es die Kündigung des Gastrechts für seine Bilder bei der Bayerischen Staatsgemäldesammlung oder der erbittert ausgetragene Streit des Autors Buchheim mit der Witwe Kandinsky war - immer hatten diese Ausein-andersetzungen den schrillen Ton des Skandals, in dem es stets und immer wieder um alles oder nichts zu gehen schien.

Auch als Buchheim - nur beispielsweise - mit der Stadt Duisburg handelseinig geworden war, für seine Expressionisten ein eigenes Museum zu errichten, scheiterte der Kunsttransfer. Einmal an der Eifersucht der Erben, die die örtliche Kunstgröße Wilhelm Lehmbruck vertraten, zum anderen weil es gar kein Transfer war, mit dem Provinzpolitiker ihre Kunstgier befriedigen mochten. Denn Buchheim konzentrierte sich in seiner Sammelleidenschaft keineswegs auf die "Brücke"-Kunst, sondern umgab sich mit einem Zauberreich der Dinge, die allesamt erst das Ganze ergaben: jenes beispiellose "Museum der Phantasie".

Kaum möglich, die Spielformen auch nur zu nennen, die phantasievoll aufeinander bezogen sein wollen: Die Traumwelt des Zirkus, der die "Brücke"-Künstler so viel verdanken, nicht weniger als die Archaik afrikanischer Masken und Skulpturen. Zum Buchheim-Kosmos gehören - und es ist ja fast schon Legende - die Paperweights und die Snuffbottles, die Varieté-Plakate und die Karussell-Figuren, die Jugendstil-Vasen und das chinesische Porzellan. All die Sachen und Dinge vitalisieren quasi den hehren Begriff von Kunst zu einer sinnlichen, sinnenhaften Erfahrung, in der sich die - albernen - Kategorien von Größe und auch von Kitsch verschleifen.

Und diese phantastische Welt, die vordem weitgehend in Buchheims Feldafinger Haus untergebracht war, hat jetzt ein Dach. Und was für eins! Davon ist, apropos Feldafing, nicht zu berichten, ohne einer Schildbürgerei zu gedenken, wie sie wohl nur im Umkreis Buchheims möglich ist. Ursprünglich sollte das Museum in der Heimatgemeinde stehen. So hatte es Ministerpräsident Stoiber Buchheim zu dessen 80. Geburtstag versprochen. Für diesen Standort hatte auch Olympia-Architekt Günter Behnisch den Wettbewerb gewonnen. Die Feldafinger indes, auf die Todesruhe in ihren Vorgärten bedacht, kippten das Projekt per Volksbegehren und brachten sich um die Chance, dieses Juwel an den Starnberger See zu holen. Die Bernrieder waren weniger zickig: Da steht es nun, eine Schiffsbrücke in Weiß und Naturholz, die den See mit einem herrlichen Naturpark verbindet.

Die östlichen Füße des Baus stehen im Wasser und eröffnen einen imperialen Blick auf See- und Bergwelt. Wie bei einer Reling-Konstruktion sind nach Westen hin, die zwei Kuben verbunden, die die Abteilungen des Museums der Phantasie aufgenommen haben. Es ergibt sich eine in der Tat an eine gestufte Schiffsreling erinnernde Situation: so leicht und elegant, dass die Assoziation an die dunkle Angströhre eines U-Boots nie aufkommt, in der die Protagonisten, Buchheim und Behnisch (übrigens beide Sachsen), im Zweiten Weltkrieg abgetaucht waren.

Ihr Streit um Details des Hauses, der mitunter das Idyll des Sees kräuselte, hat nicht verhindern können, dass der aus der Uferlage herauswachsende Bau für eine erst jetzt erkennbare wunderbare Idee zu einem der schönsten Museen der Welt geworden ist Nur eines scheint noch näher am Ufer des Reiches der Phantasie situiert zu sein: das wundersame Aneinanderrücken zweier Männer, die auch auf den dritten Blick so gar nichts miteinander zu verbinden scheint: Buchheim und Stoiber.

Der Bayerische Ministerpräsident hat offenbar nicht gezögert, für ein Projekt, das künstlerisch animiertere Menschen als er selbst nicht kapierten, so einfach mal knapp 40 Millionen lockerzumachen. Müssen wir jetzt, wenn wir das Wort "Phantasie" im unmittelbaren Kontext zu Stoiber erwähnen, vom "Wunder von Bernried" sprechen? Bei dem anderen Beteiligten kann von Wunder wohl keine Rede sein. Befragt, ob er denn nun zufrieden sei, antwortete Buchheim mit dem üblichen Protestgewitter. Aber auf seinem Gesicht breitete sich ein nie gesehenes Strahlen aus, das er am liebsten unter einer vergrößerten Augenklappe verborgen hätte: Pirat Buchheim ist im Hafen angekommen.

PURRMANN UND DER EXPRESSIONISMUS: Ausstellung vom 2. April bis 9. Juli 2017