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Auszug aus der Wunderkammer

Die Zeit vom 23.05.2001

Pressespiegel

Sein liebster Ort war immer schon das selbst gewählte Abseits. Er hasst die Hauptstraßen, den Sog der prächtigen Boulevards, ihn locken die Wiesenpfade der Kunst. Auf einem solchen, auf einem Schlängelweg durch den satten Frühling am Starnberger See, vorbei an urzeitlichen Baumrecken, über ein Meer aus Hahnenfuß und Pusteblumen, gelangt man mit Schwung den Hügel hinab und sieht schon von weitem das einladende Haus. Gelassen liegt es in der Landschaft, und trotz seiner Höhe wirkt es so zurückgenommen und intim, als hätten sich zwei Großfamilien eine Doppelvilla ans Ufer setzen lassen, um gemeinsam ihre Sommer zu verleben. Hier also, gleich neben dem Örtchen Bernried, im Wuchergrund eines alten Schlossgartens, wo noch vor kurzem weiße Hirsche gezüchtet und zur Schau gestellt wurden, hier hat Lothar-Günther Buchheim endlich ein Gehege für seine Kunst gefunden. Es ist ein Ort im Abseits, ganz buchheimgemäß. Der Wiesenpfad allerdings dürfte sich bald zur Hauptstraße weiten.

Denn Buchheim ist selbst schon eine Art Boulevard mit Sogwirkung: verschrien als größter Raubauz des Kunstbetriebs, gefürchtet als bayerischer Landesmeister des Gully- und Klosettschmähs, bekannt als Autor epischer Boots- und Festungsromane in Millionenauflage. Wirklich geschätzt wird er wegen seines Kunsthorts, in dem er an die tausend Grafiken und etliche Gemälde versammelt hat. Vor allem die Künstler der Brücke, die mit peitschendem Strich und scharfer Farbe alles Gesittete austreiben wollten, die mit zackig gepinselter Hingabe einem arkadischen Leben frönten, hatten in Buchheim früh einen Liebhaber gefunden. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete er in Frankfurt am Main eine Galerie und begann rege mit dieser Kunst des Übersprungs zu handeln, mit Expressionisten, die Hitler hatte auslöschen wollen und die auch in der frühen Bundesrepublik nur wenige Freunde besaßen. Von der Missachtung angestachelt, machte sich Buchheim zum Künder und Kenner, erwarb auf Auktionen zahlreiche Blätter unter Wert, ließ Bildbände, Kalender, Postkarten drucken, schrieb Vorworte und Aufsätze - und wurde zum wichtigsten Fürsprecher der lange Ungeliebten.

Bis heute ist er ein ungemein glaubhafter Anwalt dieser Künstler, denn nie ging es ihm darum, ihre Bilder wie tote Käfer aufzureihen; er will ihre gefühlvolle Härte, ihre Widerborstigkeit nicht einfrieren, er will sie für sich selber lebendig halten. Andere sammeln, weil sie die Welt ordnen möchten, weil sie von Vollständigkeit träumen, vom großen Überblick im Kleinen. Buchheim hingegen ist kein Kopfgesteuerter, er ist ein Verschlinger: Das Sammeln war ihm stets Weltaneignung und Weltabschirmung zugleich. Obwohl allgemein als Rüpel bekannt, hat er sich selbst oft als Lämmchen bezeichnet, schutzlos und schuldlos. Und womöglich fühlt er sich tatsächlich als reines Seelchen, gut verborgen im dicken Qualm der Wortscharmützel, gut geschützt von seiner selbst geschaffenen Funkelwelt.

In einem alten, großen Haus in Feldafing am Starnberger See trugen er und seine Frau zusammen, was immer ihnen unverfälscht und traumdurchdrungen erschien. Heckel und Kirchner ebenso wie Karussellpferde aus Holz, die Nüstern gebläht, knorzige Wurzelhölzer, Zirkusplakate, Negermasken, Muscheln und am Flurfenster eine Reihe Einmachgläser, randvoll mit Murmeln, schillernd in allen Farben, davor ein graziler Buddha, der Welt entrückt. Alle Schränke, alle Tische werden belagert von den Trouvaillen, von der Kunst und den Kurzwaren eines 83-jährigen Lebens. Allein von den leuchtenden Briefbeschwerern hat er über 3000 um sich versammelt: faustgroße Glaskugeln, die im Inneren die prächtigsten Farben und Formen bergen, unberührbare Welten in der Welt. Die ganze Villa der Buchheims ist eine solche Sehnsuchtskapsel - oder besser: Sie war es.

Zwar sind die meisten Räume immer noch gut gefüllt, doch wurden viele der Kannen und Tassen, der Schattenspielfiguren und Löwenkopfsessel hinüber geschafft an das andere Seeufer, hinein in das neue Museum. Auch die berühmten Gemälde und Grafiken sind dort nun zu sehen, Buchheims selbst gezeichnete Bilder ebenfalls, genauso wie seine Fotografien. Lange hatte er nach einem solchen Schatzhaus gesucht, fast ein Vierteljahrhundert verhandelte er mit Stadtvätern und Museumsdirektoren, ließ sich schmeicheln und umgarnen, wurde mit Professorentiteln und Neubauversprechen geehrt und gelockt, doch im letzten Moment zuckte er stets zurück. Natürlich gab es dafür immer Gründe, mal fehlte es den Städten an Geld, mal wollte man nur seine Bildersammlung zeigen und nicht seine Wunderkammern. Doch kündet das quälende Hin und Her auch von Buchheims Angst vor dem Abschied. Er, der immer mit den Dingen, in den Dingen und durch die Dinge gelebt hatte, fürchtete sich davor, das mühsam Vereinnahmte mit allen teilen zu müssen und damit auch ein Stück seiner selbst zu verlieren. Nach nichts sehnte er sich mehr als nach Aufwertung, doch insgeheim ahnte er wohl, dass ihm die Anerkennung der Mächtigen etwas von seiner Eigenart rauben könnte. Denn was bleibt von einem Ketzer, wenn er plötzlich aufgenommen wird ins Allerheiligste?

Also schlug er alle Angebote der Großen aus, zog sich zurück ans Seeufer, dorthin, wo kein anderer Name sich über seinen legen konnte. Und dennoch ist ihm nun die Eröffnung des Museums keine Erfüllung. Vor allem der Architekt Günter Behnisch erfährt all seinen Zorn, obwohl Buchheim dessen Entwurf einst zugestimmt hatte. Besser wäre es gewesen, sagt er grummelnd, ich hätte es selbst gebaut - denn das war immer schon sein Lebensmotto: Nur was Buchheim ist, kann Buchheim auch gefallen.

Wo ist das Kunterbunt?

Dabei gibt sich die Architektur durchaus wohltemperiert, vermeidet das Starre und Gediegene, löst die Baukörper auf in viele Vor- und Rücksprünge, in Balkone und Terrassen, spielt mit Schiffsmotiven, mit Reling, Brücke und Zwischendeck, und sucht die Nähe zur Landschaft. Die Außenwände sind mit silbriger Lärche getäfelt, überall öffnen sich Fenster, und ein gewaltige Pieranlage entfährt dem Gebäude und lädt den Besucher ein, hinauszuwandeln bis über den Schilfgürtel und das Weite zu suchen. Auch im Inneren des Museums hat Behnisch alles Ab- und Ausschließende vermieden, sein Haus soll eine Einladung sein, den Blick schweifen zu lassen. Genauso hatte es sich Buchheim gewünscht, denn Louisiana, das legendäre dänische Kunstmuseum mit seinem Ostsee-Panorama, war sein Idealbild gewesen. Erst jetzt ist ihm offenbar aufgefallen, dass sich Behnischs Offenheit mit den lichtempfindlichen Exponaten nicht verträgt. Zahlreiche Fenster mussten verhängt und verstellt, viele Türen verschlossen werden, damit es für die Drucke duster genug ist und die Klimaanlage nicht gestört wird. Die Besucher allerdings werden sich an alldem kaum stören: Nicht das Gebäude wird sie enttäuschen, sondern die Sammlung selbst.

Denn von dem kunstdurchsetzten Kosmos, vom glückhaften Kunterbunt der Sparten und Dinge ist in dem neuen Haus kaum etwas geblieben - Buchheim ist in die Seriositätsfalle getappt. Anders als in seiner Villa in Feldafing gilt hier nicht die Gleichrangigkeit des Ungleichrangigen, nicht Unordnung ist das oberste Ordnungsprinzip, stattdessen werden die Dinge zurechtgerückt. Brav hängen Bilder bei Bildern, hängt Afrika bei Afrika und Ozeanien bei Ozeanien. Eine Abteilung nennt sich Buchheims Welt, hier sind seine alten Zirkusfotos zu sehen, die Laubsägearbeiten und Hinterglasmalereien der frühen Jahre, und auch sein vielgleisiges Leben wird dokumentiert - so als ließe sich das alles plötzlich schubladisieren. Als hätte nicht das ganze Museum Buchheims Welt sein müssen.

Das Beste wäre wohl gewesen, Lothar-Günther und seine Diethild hätten selbst den Umzug in die Doppelvilla gewagt und ihr bisheriges Wohnhaus in ein Museum verwandelt. Denn nicht nur durch die rigide Systematik, auch durch die weiten, hohen Säle des Behnisch-Baus verliert sich die Lebendigkeit der Buchheim-Sammlung; sie hätte kleine, konzentrierte Räume gebraucht, um zumindest eine Ahnung von den Feldafinger Überraschungs- und Wunderkammern zu bewahren. So aber wirkt alles seltsam gesittet, hinter ungeschlachten Vitrinen hängen und stehen die Exponate, als wäre man in einem gewöhnlichen Kunst- und Gewerbemuseum. Selbst auf Erklärschildchen, gegen deren Didaktik sich Buchheim stets verwahrt hatte, mochte man nicht verzichten.

Dieser Sieg ist also in Wahrheit eine Niederlage: Der ewige Rüttler und Ringer hat sich einfangen lassen vom Freistaat Bayern und dessen 37,5-Millionen-Mark-Versprechen auf einen eigenen Wallfahrtsort. Und natürlich von seinem großen Schirmherrn Edmund Stoiber. "Zum High-Tech-Land gehört als bunter Kontrapunkt auch Kunst und Kultur, alles andere ist Barbarei", hatte dieser einst erklärt. Und Buchheim nun spielt das Kontrapünktchen, er, der sein Leben lang dem technischen Fortschritt entgehen wollte und sich für das Naive begeisterte. Seine Kunst galt immer dem Entrückten. Jetzt ist sein Abseits ein Ort wie viele andere.

Neue Videovorstellung des Buchheim Museums: Impressionen aus Bernried